Beim Lesen von Ethan Mollicks Co‑Intelligenz bin ich über einen Gedanken gestolpert, der mich zurück in meine Kindheit geführt hat: zu den kleinen Hilfstätigkeiten, die damals selbstverständlich waren und heute verschwunden sind.
Vom Gartenschlauch zum Waschroboter
Rasen mähen zum Beispiel. In den 1980ern war das ein klassischer Taschengeld‑Job. Heute erledigen Mähroboter in vielen Gärten die Arbeit leise und zuverlässig. Oder Autos waschen: Früher standen Gartenschlauch, Kübel und ein (schon damals) biologisch abbaubares Reinigungsmittel bereit. Heute ist das verboten und in große Waschhallen ausgelagert, betrieben von Robotern oder Self‑Service‑Boxen. Ob die zusätzliche Bodenversiegelung dort wirklich besser ist als der Rasen unter meinen Füßen damals, kann man zumindest hinterfragen. Aber die Industrie dahinter ist unübersehbar und sie hat eine ganze Generation potenzieller Taschengeld‑Unternehmer arbeitslos gemacht.
Hat es mir immer Spaß gemacht? Nein. Hat mir diese Reibung geschadet? Nein.
Was mich daran beschäftigt: Diese Tätigkeiten waren mehr als nur kleine Jobs. Sie waren ein Signal, dass jeder etwas beitragen kann, um Zusammenleben möglich zu machen. Eine frühe Lektion in Verantwortung, Verlässlichkeit und Selbstwirksamkeit. Und genau hier schließt sich für mich der Kreis zur aktuellen Diskussion über KI.
Denn auch heute verschwinden wieder jene Aufgaben, die früher den Einstieg ins Berufsleben ermöglicht haben – nur diesmal nicht im Garten oder in der Garage, sondern in Büros, Agenturen und Servicebereichen. Die Forschung zeigt sehr deutlich, wie stark sich die Landschaft der Einstiegsjobs verändert.
KI und das Ende der Einstiegsjobs
Eine groß angelegte Analyse des Stanford Digital Economy Lab weist nach, dass junge Berufseinsteiger:innen in Tätigkeiten mit hoher KI‑Exposition bereits heute deutlich seltener eingestellt werden als früher. Besonders betroffen sind Bereiche wie Softwareentwicklung, Marketing, Datenaufbereitung oder administrative Aufgaben. Die Forschenden sprechen von „Kanarienvögeln im Kohlebergwerk“ – Frühwarnsignalen für tiefgreifende Veränderungen im Arbeitsmarkt.
Eine weitere Studie, die auf Millionen US‑Payroll‑Daten basiert, bestätigt dieses Muster: In KI‑gefährdeten Berufen sinkt die Beschäftigung junger Menschen signifikant, während sie in weniger KI‑exponierten Bereichen wie Pflege, Bildung oder auch Einzelhandel steigt. Einstiegsjobs verschwinden also nicht einfach, sie verschieben sich dorthin, wo Automatisierung (noch) weniger greift.
Gleichzeitig zeigt eine Untersuchung von SAP und Wakefield Research, dass sich die Natur von Einstiegsjobs selbst verändert. Viele der früher typischen Anfängeraufgaben – Recherche, Zusammenfassungen, einfache Analysen, erste Entwürfe – werden heute automatisiert. Unternehmen erwarten deshalb, dass junge Mitarbeitende schneller produktiv sind und KI‑Tools selbstverständlich beherrschen. 88 % der befragten Chief Human Resources Officers gehen davon aus, dass Berufseinsteiger:innen dank KI früher einsatzbereit sein müssen, und 87 % setzen voraus, dass sie KI‑Werkzeuge bereits mitbringen oder sich sofort einarbeiten.
Die Low‑Level‑Skills von gestern verschwinden und die Low‑Level‑Skills von heute werden automatisiert
Zusammengefasst entsteht ein klares Bild: Die Low‑Level‑Skills von gestern verschwinden und die Low‑Level‑Skills von heute werden automatisiert, bevor junge Menschen sie überhaupt erlernen können. Für meine Kinder ist es normal, dass Maschinen diese Aufgaben übernehmen. Für mich fühlt es sich immer noch seltsam an, in die Waschstraße zu fahren, statt selbst den Gartenschlauch zu nehmen.
Vielleicht lohnt es sich, darüber nachzudenken, welche neuen Formen von Beteiligung, Verantwortung und Selbstwirksamkeit wir an die Stelle dieser verschwundenen Tätigkeiten setzen.
Mai 2026
