38 Grad. Und alle reden übers Wetter.
Nicht nur reden – klagen, grübeln, sich ärgern. Als ob die Hitze nachgäbe, wenn man ihr genug mentale Aufmerksamkeit schenkt.
Die Stoiker hätten dazu eine klare Ansicht gehabt. Epiktet – Sklave, später einer der einflussreichsten Denker der Antike – hat sein ganzes Denken auf einer einzigen Unterscheidung aufgebaut:
Es gibt Dinge, die in unserer Macht stehen. Und Dinge, die es nicht tun.
Das Wetter steht nicht in unserer Macht. Nie gestanden.
Was in unserer Macht steht: ob wir früher aufstehen. Ob wir eine Flasche Wasser mitnehmen. Ob wir das Gespräch nach draußen verlegen oder absagen. Ob wir aufhören, uns zu ärgern.
Das klingt simpel. Ist es aber nicht – weil wir es beim Wetter vielleicht noch schaffen, bei anderen Dingen aber erstaunlich schlecht darin sind.
Wie oft wohnen Dinge rent free in unserem Kopf, die genauso unveränderlich sind wie die aktuelle Hitzewelle?
Die Entscheidung, die vor drei Wochen gefallen ist. Das Feedback, das unfair war. Der Kollege, der so ist wie er ist. Die Marktlage. Der Stau.
Wir können sie nicht ändern. Aber wir kreisen um sie, kommentieren sie innerlich, simulieren Gespräche die wir nie führen werden und zahlen den Preis in Energie, Fokus und manchmal Schlaf.
Epiktet würde sagen: Das ist keine Kleinigkeit. Das ist die zentrale Frage, wie du dein Leben lebst.
Die Hitze geht in ein paar Tagen. Die Gewohnheit, unkontrollierbare Dinge zu kontrollieren versuchen, bleibt. Bis man sie bewusst unterbricht.
Was wohnt gerade bei euch rent free in eurem Kopf?
PS: Ja, beim Klima ist das anders. Da haben wir als Gesellschaft sehr wohl Einfluss und genau deshalb gehört es in die linke Spalte von Epiktets Unterscheidung: zu dem, was in unserer Macht steht. Wer das erkennt und handelt, statt im Grübeln stecken zu bleiben, ist übrigens schon auf dem Weg zu mehr Antifragilität.
Juni 2026
